Wie funktioniert Geld überhaupt?

Geld und Politik 

Wie funktioniert Geld überhaupt?

Geld ist ein effektives Speicher- und Transportmedium für unseren Besitz, weil es unhandliche materielle Vermögenswerte wie Land oder Ziegen in etwas Leichtes und Tragbares verwandelt, wie zum Beispiel die Kaurischnecken. Aber erinnern Sie sich, dass der Wert dieser Muscheln nur in unserer Fantasie existiert und nichts mit ihrer chemischen Zusammensetzung, Farbe oder Form zu tun hat. Geld ist keine materielle, sondern eine hochgradig spirituelle Angelegenheit: Es verwandelt Materie in etwas rein Geistiges. Wie funktioniert das? Warum sollte jemand bereit sein, wertvolle Reisfelder gegen wertlose Kaurischnecken einzutauschen? Warum sollte jemand im Tausch gegen ein paar bunte Papierschnipsel bereit sein, Hamburger zu braten, Versicherungen zu verkaufen oder auf drei quengelnde Gören aufzupassen?

Zu diesen und anderen Geschäften sind wir nur bereit, weil wir genug Vertrauen in die Produkte unserer kollektiven Fantasie haben. Vertrauen ist der Rohstoff, aus dem Münzen geprägt werden. Wenn der wohlhabende Bauer sein Hab und Gut gegen einen Sack Kaurischnecken verkauft und damit in eine andere Provinz zieht, dann vertraut er darauf, dass ihm die Menschen in seiner neuen Heimat diese Schnecken wieder gegen Reis, Häuser und Felder tauschen. Geld ist also ein System gegenseitigen Vertrauens, aber nicht nur irgendeines: Es ist das universellste und effizienteste System des gegenseitigen Vertrauens, das je erfunden wurde.

Dieses Vertrauen wurde ermöglicht durch ein komplexes und langfristig angelegtes Netzwerk politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehungen. Warum glaube ich an die Kaurischnecke oder Goldmünze oder Banknote? Weil meine Nachbarn daran glauben. Und meine Nachbarn glauben daran, weil ich daran glaube. Und wir alle glauben daran, weil der König daran glaubt und seine Steuern in dieser Form eintreibt, und weil die Priester daran glauben und den Zehnten in dieser Form verlangen. Und wenn wir nicht genug davon haben, dann wirft uns der König in den Schuldturm und Gott lässt uns in der Hölle schmoren.

Deshalb ist das Finanzsystem so eng mit dem politischen und gesellschaftlichen System verbunden, deshalb werden Finanzkrisen oft von politischen und nicht von wirtschaftlichen Faktoren verursacht, deshalb hängt die Kursentwicklung meiner Aktien davon ab, wie sich die Händler heute Morgen fühlen.

Dieses Vertrauen lässt sich zum Beispiel herstellen, wenn wir als Geld etwas verwenden, dessen Wert nicht ausschließlich von unserer Fantasie abhängt. Das erste bekannte Geld der Welt – das Gerstengeld der Sumerer – ist ein gutes Beispiel. Es wurde zum ersten Mal vor rund 5000 Jahren in Sumer verwendet, genau zu dem Zeitpunkt, als dort auch die erste Schrift erfunden wurde. Genau wie die Schrift eine Antwort auf die Bedürfnisse der zunehmenden Verwaltungstätigkeit war, war das Geld eine Antwort auf die Bedürfnisse der zunehmenden Wirtschaftstätigkeit.

Das Gerstengeld war einfach Gerste – eine feste Zahl von Gerstenkörnern, die als allgemein gültiges Maß zur Festsetzung des Wertes und zum Austausch aller anderen Güter und Dienstleitungen verwendet wurden. Das verbreitetste Maß war die „Sila“, die etwa einem Liter entsprach. Standardisierte Messgefäße, die genau eine Sila fassten, wurden in Massen hergestellt, damit bei Käufen und Verkäufen die notwendige Menge Gerste abgemessen werden konnte. Auch Löhne wurden in Gerste gezahlt. Ein Arbeiter verdiente 60 Silas pro Monat, eine Arbeiterin 30. Ein Verwalter konnte zwischen 1200 und 5000 Silas im Monat verdienen. Selbst die gierigsten Verwalter konnten im Monat keine 5000 Liter Gerste verschlingen, doch mit den überschüssigen Silas ließen sich alle möglichen anderen Güter kaufen, zum Beispiel Öl, Ziegen, Sklaven und so weiter. 

Es war einfach, dem Wert des Gerstengeldes zu vertrauen, da das Getreide einen biologischen Wert hat: Man konnte es essen. Andererseits war es schwer zu transportieren. Deshalb war es ein großer Durchbruch in der Wirtschaftsgeschichte, als Menschen Währungen vertrauten, die keinen eigenen Wert hatten, aber leichter zu lagern und zu transportieren war. Diese Währung tauchte vor rund 4500 Jahren im alten Mesopotamien auf: Es war der Silberschekel. Der Silberschekel war keine Münze, sondern ein Gewicht, das 8,33 Gramm Silber entsprach. Als der Kodex des Hammurabi erklärte, wenn ein Freigeborener eine Sklavin töte, müsse er dem Besitzer 20 Silberschekel zahlen, dann waren das 166 Gramm Silber, nicht 20 Münzen. Im Alten Testament werden Geldeinheiten meist in Silber, nicht in Münzen angegeben. Joseph wurde von seinen Brüdern für 20 Silberschekel oder 166 Gramm Silber an die Ismaeliten verkauft – damit kostete er genauso viel wie eine Sklavin (er war schließlich noch ein Kind).

Anders als eine Sila Gerste hat ein Schekel Silber an sich keinen Wert. Man kann Silber nicht essen, trinken oder anziehen, und es ist zu weich um nützliche Werkzeuge herzustellen – ein Pflug oder Schwert aus Silber würde sich wie Alufolie verbiegen. Silber und Gold werden in der Regel zur Herstellung von Schmuck und Statussysmbolen verwendet – Luxusgüter also, die Angehörige einer bestimmten Kultur mit einem hohen gesellschaftlichen Status gleichsetzen. Ihr Wert ist ausschließlich kultureller Natur.

Jahrtausende lang haben Philosophen, Denker und Propheten das Geld als Wurzel allen Übels bezeichnet. In Wahrheit ist das Geld der Gipfel der menschlichen Toleranz. Geld ist toleranter als jede Sprache, jedes Gesetz, jede Kultur, jeder religiöse Glaube und jedes Sozialverhalten. Geld ist das einzige von Menschen geschaffene System, das fast jede kulturelle Barriere überwindet und nicht nach Religion, Geschlecht, Rasse, Alter oder sexueller Orientierung fragt. Dem Geld ist es zu verdanken, dass Menschen, die einander noch nie gesehen haben und einander nicht über den Weg trauen, problemlos zusammenarbeiten können.