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Mehr Witz ist durchaus möglich

Von Pierre Heumann

Weltwoche

Bestseller-Autor, Zukunftsforscher und Historiker Yuval Noah Harari sagt ewiges Leben voraus. Im Interview spricht er vom neuen Super-Sapiens und erklärt, wie Algorithmen die Gesellschaft grundlegend verändern werden.

Der Historiker Yuval Noah Harari wird als Sensation gefeiert. Sein erstes Buch, «Eine kurze Geschichte der Menschheit», wurde in vierzig Sprachen übersetzt und war mit zwei Millionen verkauften Exemplaren weltweit ein Bestseller. Auch mit seinem neuesten Werk ist Harari ein grosser Wurf gelungen. «Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen» ist, kaum erschienen, bereits in den wichtigsten Medien besprochen und gelobt worden. In diesen Tagen stellt Harari auf einer Lesereise seine Thesen vor, unter anderem an der Leipziger Buchmesse und am Schweizer Fernsehen.

Der israelische Geschichtsprofessor richtet seinen Blick nach vorn und beschreibt eine Welt, in der Computer, Roboter und künstliche Intelligenz den Homo sapiens verdrängt haben werden. In naher Zukunft könnten Algorithmen dermassen potent sein, dass man Menschen so programmieren kann, wie man heute Computer programmiert. Daraus ergäbe sich die Möglichkeit, einen Supermenschen zu schaffen: Homo Deus.

Letztlich, meint Harari, werde der Mensch überflüssig. Einerseits. Anderseits sieht er sein bewusst provokativ geschriebenes Buch als Anstoss, um «fantasievoller als bisher über unsere Zukunft nachzudenken». Um nicht schockiert in einer Welt aufzuwachen, in der der Sapiens die Kontrolle verloren hat und nicht mehr relevant ist.

Der Humanismus ist laut Harari mit einer existenziellen Herausforderung konfrontiert, weil die Idee des «freien Willens» bedroht sei.

Er spricht von einer «Datenreligion»: Wer vom Datenfluss abgekoppelt ist, laufe Gefahr, den Sinn des Lebens zu verlieren. Oder frei nach René Decartes: «Ich bin auf Facebook, also bin ich.» Der Dataismus könnte in den nächsten Jahrzehnten den Menschen an den Rand drängen, «indem er von einer homozentrischen zu einer datazentrischen Weltsicht wechselt». Dann wird es nicht mehr heissen: «Höre auf deine Gefühle», sondern: «Höre auf die Algorithmen. Sie wissen, wie du dich fühlst.»

In seinem Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit» zeigt Harari, wie der Homo sapiens die Erde erobern konnte. Nur der Sapiens konnte ein intersubjektives Sinngeflecht erzeugen, «ein Geflecht aus Gesetzen, Kräften, Wesenheiten und Orten, die nur in ihrer gemeinsamen Fantasie existieren.» Jetzt blickt Harari in die Zukunft. Er sei zwar weder Ingenieur noch Chemiker, noch Biologe, sagt er im Gespräch mit der Weltwoche. Doch die Wissenschaft sei nicht sein Thema, sondern die sozialen, ökonomischen und philosophischen Implikationen im sich anbahnenden Zeitalter des Homo Deus.

Harari, 1976 in Haifa geboren, promovierte an der Oxford-Universität und ist jetzt
Professor für Weltgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Wir trafen den vierzigjährigen Forscher in dessen Haus in Karmei Yosef, einem 2000-Seelen-Dorf zwischen Tel Aviv und Jerusalem, umgeben von Weinbergen und Olivenhainen.


Herr Harari, auf der Fahrt zu Ihnen stellte ich plötzlich fest, dass ich meinen Führerschein vergessen habe, und ich fragte mich: «Können wir uns künftig Mikrochips einpflanzen lassen, um Gedächtnisschwächen zu überwinden?»

Daran arbeitet man bereits.

Im Ernst?

Es wird eine direkte Schnittstelle zwischen dem Gehirn und dem Computer geben.

Ein besserer und stärkerer Homo sapiens – wann wird er Wirklichkeit?

In 20 bis 50 Jahren wird es möglich sein, dass Gehirn und Computer fast nahtlos miteinander kommunizieren. Man hat ja heute schon bionische Arme, die durch ein Signal im Gehirn bewegt werden können. Prothesen sind heute zwar noch ziemlich primitiv. Aber in 50 Jahren könnten sie besser sein als die natürlichen Körperteile. Man wird sie immer wieder ersetzen können, wenn sie beschädigt sind. Auch werden sie sich aus Distanz bewegen lassen, vom Kopf aus.

Also wird es keine Körperbehinderungen mehr geben?

Mehr als das. Neue Rekorde werden künftig bei Paralympischen Spielen aufgestellt werden. Bei diesen Wettbewerben wird es viel schnellere Fortschritte geben als bei Olympiaden. Sie werden deshalb interessanter sein als die Olympischen Spiele.

Würden Sie die Leistungen von künstlich verbesserten Menschen noch als Sport bezeichnen?

Letztlich geht es bei dieser Frage darum, was wir am Athleten bewundern. Heute nehmen wir an, dass wir die von der Natur gesetzten Grenzen des menschlichen Körpers und des menschlichen Geistes an ihrem Limit sehen wollen. Aber es muss immer noch natürlich sein. Wenn bekannt wird, dass ein Spitzensportler systematisch Aufputschmittel verwendet, um seine Leistung zu steigern, sagen wir entrüstet: «Das ist nicht fair.» Die Trennlinie zwischen naturgegebenen und künstlich verbesserten Kräften ist allerdings nicht klar. Immer wieder werden die Fähigkeiten mit verschiedensten Mitteln verbessert, sei es mit Drogen, Computern oder mit künstlichen Gliedmassen.

Wo würden Sie denn die Grenze ziehen?

Carl Lewis war so erfolgreich, weil er eben die richtigen Gene hatte. Man kann sagen, dass die besten Athleten in der Lotterie der Gene gewonnen haben. Es macht für mich keinen Unterschied, ob er diese Gene durch Zufall oder durch genetisches Engineering erworben hat. Doch es geht ja nicht nur um Sport. Bald schon werden wir überall mit diesen Fragen konfrontiert sein, etwa in den Schulen oder in der Wirtschaft.

Wer gewinnt, wenn zwei Cyborgs gegeneinander antreten?

Das kommt auf die Fähigkeiten der Programmierer und der Maschinen an.

Können Cyborgs Humor haben?

Es ist durchaus möglich, dass sie mehr Witz haben werden als der Durchschnittsmensch.
Auch hier kommt es darauf an, wie sie programmiert sind.

Raymond Kurzweil spricht vom Ende des Todes und des Leidens. Dank dem Computer soll es im Jahre 2030 so weit sein. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch, und ist es erstrebenswert?

Kurzweil hat ein paar sehr gute Argumente. Aber er übertreibt mit der Erwartung, dass es 2030 so weit sein wird. Das ist viel zu früh. Mit Hilfe der Biotechnologie und künstlicher Intelligenz den Tod herauszuschieben, wird erst in 80 oder 100 Jahren möglich sein. Nur diejenigen, die heute auf die Welt kommen, haben deshalb gute Chancen, dass sie ihr Leben praktisch unbeschränkt verlängern können.

Unbeschränkt?

Sagen wir vorsichtshalber bis zu ihrem 150. oder 200. Geburtstag, falls einer nicht durch einen Unfall ums Leben kommt. Schon heute ist die Medizin ja in der Lage, den Körper des Menschen zu verjüngen.

Ein alter Traum würde dadurch wahr: der Jungbrunnen.

Man altert wegen aller möglichen biologischen Prozesse. Wenn man den Mechanismus des Altwerdens versteht, kann man etwas dagegen unternehmen. Dann kann man zum Beispiel beschädigtes Gewebe ersetzen oder jemandem jüngere Zellen einimpfen. Alternativ lassen sich organische Körperteile durch anorganische ergänzen, mit Hilfe von Robotern und Rechnern. Man wird auch ein bionisches Immunsystem haben. Wissenschaftler arbeiten daran…

Klingt nach Science-Fiction.

Damit wird bereits experimentiert. Die Forschung ist allerdings noch in einem sehr frühen Stadium. Millionen von Nanorobotern, die etwa so gross sind wie weisse Blutzellen, sollen im Körper aufpassen. Sie sollen zum Beispiel Alarm schlagen, wenn sie Krebszellen entdecken oder diese gleich vernichten. Wenn ein bionisches Immunsystem eingesetzt wird, werden Krebszellen, Bakterien oder Viren hilflos sein. In der Evolution wurden sie nämlich nicht darauf vorbereitet, kleine Roboter zu besiegen.

Einige wollen sich einfrieren lassen, um später von den Fortschritten der Medizin profitieren zu können.

Es gibt bereits eine ganze Branche, die diese Kryogenik offeriert.

Denken Sie daran, davon Gebrauch zu machen?

Nein.

Weshalb nicht?

Ich glaube nicht, dass es funktioniert. Die Tieftemperaturtechnik ist noch zu wenig ausgereift. Beim Auftauen des Körpers gibt es Probleme.

Wann wird es so weit sein, dass künstliche Intelligenz mehr kann als der Mensch?

Auf der Evolutionsskala sind wir schon fast so weit. In 200 Jahren, vielleicht etwas früher, werden Maschinen intelligenter sein als Menschen. Auch das ist keine Science-Fiction, sondern nur noch eine Frage der Zeit.

Dann wird uns eine Maschine sagen, was wir zu tun haben?

Diese Epoche hat eigentlich bereits begonnen. Wie haben Sie den Weg zu mir gefunden?

Mit Hilfe des Navigationssystems «Waze».

Dadurch überliessen Sie den Entscheid, den besten Weg zu finden, einem Algorithmus. Und vermutlich vertrauen Sie diesem Algorithmus mehr als Ihrem eigenen Orientierungssinn. Mehr und mehr Lebensbereiche sind bereits oder werden bald von diesen Algorithmen erfasst. Wen soll man heiraten? Man fragt Google oder Facebook. Man sucht einen Job? Man konsultiert Google. Nicht nur Individuen verlassen sich auf Algorithmen, sondern auch Institutionen. Wenn Sie in den USA einen Kredit beantragen, wird Ihr Gesuch vermutlich nicht von einem Banker bearbeitet, sondern es wird aufgrund eines Algorithmus entschieden. Gestützt darauf, wird Ihnen dann die Mitteilung zugestellt, ob Sie den Kredit erhalten oder nicht. Banken vertrauen Algorithmen, weil sie, gestützt auf Millionen von Daten, Verhaltensmuster und Wahrscheinlichkeiten erkennen.

Was bleibt dem Sapiens übrig, wenn Roboter immer mehr Arbeiten und Funktionen übernehmen?

Die meisten Menschen wird man für die Wirtschaft nicht mehr brauchen können. Sie sind überflüssig. Von der Versorgung her dürfte das keine Schwierigkeiten bereiten, da man noch kapitalintensiver produzieren wird – ich denke etwa an Nahrungsmittel, Kleider oder Transporte.

Mit Verlaub: Ihr Begriff «überflüssige Menschen» ist provokativ.

Ich meine das natürlich nicht aus Sicht der Mutter, des Vaters oder der Familie, sondern aus Sicht des ökonomischen und politischen Systems. Und es ist gleichzeitig eine Warnung. Im 20.Jahrhundert haben sowohl demokratische als auch diktatorische Regimes riesige und teure Systeme für die Erziehung, die Gesundheitsversorgung und den Wohlfahrtsstaat aufgebaut, weil sie die Massen brauchten. Weil die meisten Menschen im 21.Jahrhundert nicht mehr benötigt werden, verliert das System den Anreiz, wie bisher in die Bildung oder in Kliniken zu investieren. Das wird besonders die Länder der Dritten Welt hart treffen. In den reichen Staaten ist, vermute ich, die Tradition des Wohlfahrtsstaates genügend stark verankert, so dass er auch für «nutzlose» Menschen sorgen wird. Das Militär ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass wegen Hightech immer weniger Menschen gebraucht werden.

Wie denn?

Die besten Armeen verzichten heute auf eine Rekrutierung der Massen. Wenn ein Krieg ausbricht, ergibt es, anders als im letzten Jahrhundert, keinen Sinn mehr, alle Diensttauglichen aufzubieten. Die besten Armeen verlassen sich heute auf eine relativ kleine Zahl von professionellen Soldaten, die in Spezialeinheiten eingesetzt werden, zunehmend auch in raffinierten Tech-­Einheiten, zum Beispiel für die Bedienung von Drohnen oder Lenkflugkörpern, sowie in Cyber-Warfare-­Abteilungen. Sie können tausend Soldaten mit einem Gewehr ausrüsten. Doch wenn sie von einer Drohne angegriffen werden, sind sie auf der Stelle tot.

Wie sicher sind Sie sich, dass Ihr Szenarium vom Homo Deus unsere Welt prägen wird?

Ich will keine Prognosen stellen. Ich verstehe mein Buch vielmehr als Anstoss zur Diskussion über unsere künftigen Wahlmöglichkeiten. Heute können wir immer noch entscheiden – aber leider findet in der Öffentlichkeit keine grundlegende Debatte darüber statt.

Auch in der Vergangenheit sind alte Berufe verschwunden und neue entstanden. Das wirkte sich dämpfend auf die Arbeitslosigkeit aus. Sie warnen aber, dass das künftig ein grösseres Problem sein werde als bisher.

Im Zug der Automatisierung tauschten frü­her Arbeitnehmer Jobs mit geringen Anforderungen mit neuen Jobs, die ebenfalls geringe Anforderungen stellten. Bauern in Pennsylvania, die wegen der Technisierung der Landwirtschaft nicht mehr benötigt wurden, fanden einen Job in Detroits Fabriken, wo sie am Fliessband Traktoren und Lastwagen herstellten. Als man in Detroit die Produktion rationalisierte, wurden die entlassenen Arbeiterinnen an den Kassen von Supermarktketten beschäftigt. Auch das war relativ einfache Arbeit. Mit der jüngsten Automatisierung ist es aber nicht mehr möglich, einfache Jobs durch andere einfache Jobs zu ersetzen. Denn jetzt braucht es Software-Ingenieure und Biologen, was höhere Anforderungen an die Ausbildung stellt. Jemand, der während 30 Jahren an der Kasse stand, schafft den Übergang nicht.

Sind die Lerninhalte an den Schulen noch relevant, wenn immer mehr künstliche Intelligenz und Cyborgs in den Alltag eindringen?

Das meiste, was den Schülern heute beigebracht wird, wird völlig irrelevant sein. Das eigentliche Problem wird sein, dem Leben der Menschen künftig einen Sinn zu geben.

Viele definieren sich heute über ihren Beruf oder arbeiten, um Geld zu verdienen. Was aber sollen die Menschen künftig tun?

Sie werden spielen, sich in virtuellen Realitäten tummeln, sich mit 3-D-Computerspielen unterhalten. Die virtuelle Realität wird bei ihnen mehr emotionales Engagement auslösen und für mehr Aufregung sorgen als das heute im Arbeitsalltag oft der Fall ist.

Das klingt schon etwas zynisch.

Das sehe ich anders. Schon heute verbringen Kids viele Stunden vor ihren zweidimensionalen Bildschirmen und spielen. Diese Tätigkeit sorgt bei ihnen für eine immense Aufregung. Neu ist das nicht: Der Homo sapiens hat während vieler Jahrhunderte in virtuellen Realitäten gelebt.

Noch vor dem Computerzeitalter?

Diese virtuellen Realitätsspiele nannte man bisher Religion. Man lebte in einer realen Welt, bis einer kam, der eine neue Scheinwelt schuf und diese über die Realität stülpte. Er erfand neue Spielregeln. Wenn du als Muslim fünfmal am Tag betest, gibt es Punkte, wenn du als Jude Schweinefleisch konsumierst, gibt es Strafpunkte, wenn du ein Mann bist und eine Beziehung mit einem anderen Mann hast, verlierst du ebenfalls Punkte. Nur wer genügend Punkte sammelt, steigt nach dem Tod auf den nächsten Level des Spiels. Diese virtuellen Games, die ausschliesslich in unseren Köpfen stattfinden und mit der Realität nichts zu tun haben, werden seit Jahrtausenden gespielt. Und ich sehe keinen grundlegenden Unterschied zwischen Religionen und Bildschirmen. Das Prinzip ist dasselbe.