Kraft und Glück

Zufriedenheit

Kraft und Glück


In den vergangenen fünf Jahrhunderten haben wir eine schwindelerregende Abfolge von Revolutionen erlebt. Die Erde wuchs zu einer einzigen ökologischen und historischen Sphäre zusammen. Die Wirtschaft wuchs exponentiell und die Menschheit genießt heute einen Reichtum, wie man ihn früher nur aus Märchen kannte. Die Wissenschaften und die Industrielle Revolution haben uns übermenschliche Kräfte und nahezu grenzenlose Energie verliehen. Die Gesellschaftsordnung wurde von innen nach außen gekehrt, genau wie die Politik, der Alltag und die menschliche Psyche.

Aber sind wir heute glücklicher? Hat uns der Wohlstand, den wir in den vergangenen fünf Jahrhunderten angehäuft haben, zufriedener gemacht? Ist die Welt in den 70 turbulenten Jahrtausenden, die seit der kognitiven Revolution vergangen sind, besser geworden? War Neil Armstrong, dessen Fußabdruck bis heute den Mond ziert, ein glücklicherer Mensch als die namenlosen Jäger und Sammler, die vor 30.000 Jahren ihre Handabdrücke in der Grotte von Chauvet zurückgelassen haben? Und wenn nicht, welchen Sinn haben dann Landwirtschaft, Städte, Schrift, Geld, Weltreiche, Wissenschaften, Industrie und all die anderen Erfindungen der Menschheit?

Aber obwohl bislang niemand die Geschichte des Glücks erforscht hat, haben die meisten Wissenschaftler und Laien bestimmte Vorstellungen davon. Zum Beispiel hat einer verbreiteten Ansicht zufolge der Mensch im Laufe der Geschichte immer mehr Fähigkeiten erworben, und da wir unsere Fähigkeiten dazu nutzen, um Elend zu beseitigen und unsere Träume zu erfüllen, müssen wir folglich heute glücklicher sein als unsere Vorfahren im Mittelalter, und diese wiederum müssen glücklicher gewesen sein als die Jäger und Sammler der Steinzeit.

Doch dieser Fortschrittsglaube überzeugt nicht. Wie wir gesehen haben, bedeuten neue Fähigkeiten und Verhaltensweisen noch lange kein besseres Leben. Als die Menschen während der landwirtschaftlichen Revolution lernten, ihre Umwelt nach ihren Bedürfnissen zu gestalten, verschlechterte sich das Leben der Einzelnen erheblich. Die Bauern mussten mehr arbeiten als die Jäger und Sammler, während sie sich gleichzeitig schlechter ernährten und unter Krankheit und Ausbeutung litten. Ähnlich verhalf die Expansion der europäischen Weltreiche der Menschheit insgesamt zwar zu einem Machtzuwachs, weil Ideen, Technologien und Güter auf neuen Handelsrouten über den gesamten Globus verteilt wurden; doch für Abermillionen von Afrikanern, amerikanischen Ureinwohnern und australischen Aborigines bedeutete das nichts Gutes. Angesichts der langen Geschichte des Machtmissbrauchs durch die Menschen wäre es naiv zu glauben, dass uns Fortschritt automatisch glücklicher macht.

Zivilisationskritiker behaupten daher das genaue Gegenteil: Fortschritt führt ins Unglück. Macht korrumpiert. Mit unseren Erfindungen haben wir uns eine kalte und mechanistische Welt geschaffen, die unseren Bedürfnissen nicht mehr entspricht. In einer Jahrmillionen langen Evolution haben wir uns körperlich und seelisch perfekt an das Leben als Jäger und Sammler angepasst. Der Übergang zur Landwirtschaft und später zur Industrie hat uns einen unnatürlichen Lebensstil aufgezwungen, der unsere Instinkte knebelt und unsere eigentlichen Bedürfnisse nicht mehr befriedigt. Nichts im angenehmen Leben der städtischen Mittelschicht reicht auch nur im Entferntesten an die wilde Erregung und schiere Freude heran, die eine Gruppe von Jägern bei einer Mammutjagd erlebte. Mit jeder neuen Erfindung entfernen wir uns immer weiter vom Garten Eden.

Doch die Romantiker, die in jedem Fortschritt nur das Schlechte sehen, sind nicht weniger dogmatisch als die naiven Fortschrittsapostel. Mag sein, dass wir uns von unserer menschlichen Natur entfernt haben, aber das hat nicht nur schlechte Seiten. So hat beispielsweise die moderne Medizin die Kindersterblichkeit in den vergangenen zwei Jahrhunderten von 33 auf weniger als 5 Prozent gedrückt. Wer wollte bezweifeln, dass dies ein gewaltiger Beitrag zum menschlichen Glück ist, und zwar nicht nur für die Kinder, die überlebt haben, sondern auch für Eltern, Geschwister und Freunde?

Eine etwas ausgewogenere Sicht wählt einen Mittelweg. Vor der wissenschaftlichen Revolution gab es vermutlich tatsächlich keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Fortschritt und Glück, und die Bauern des Mittelalters führten möglicherweise wirklich ein weniger glückliches Leben als die Jäger und Sammler der Steinzeit. Doch in den letzten Jahrhunderten haben wir gelernt, unsere neuen Fähigkeiten klüger einzusetzen. Die Erfolge der modernen Medizin sind nur ein Beispiel. Weitere noch nicht dagewesene Errungenschaften sind der drastische Rückgang der Gewalt, das weitgehende Verschwinden internationaler Kriege und die Verringerung großer Hungersnöte.

Aber auch das wäre eine starke Vereinfachung. Diese optimistische Sichtweise zieht nämlich nur einen extrem kurzen Zeitraum in Betracht. Die Errungenschaften der modernen Medizin wurden für die meisten Menschen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spürbar, und der drastische Rückgang der Kindersterblichkeit ist eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Während des Großen Sprungs, der von 1958 bis 1961 dauerte, verhungerten im Kommunistischen China zwischen 10 und 50 Millionen Menschen. Internationale Kriege wurden erst nach 1945 seltener, doch in dieser außergewöhnlich friedlichen Phase sieht sich die Menschheit erstmals der Gefahr der kompletten Auslöschung durch einen Atomkrieg ausgesetzt. Die letzten Jahrzehnte mögen in der Tat ein beispielloses goldenes Zeitalter gewesen sein, aber es ist noch viel zu früh um beurteilen zu können, ob es sich um eine umfassende historische Wende handelt oder um eine vorübergehende Glückssträhne. Außerdem sollten wir nicht der Versuchung erliegen, die Geschichte durch die Brille der europäischen Mittelschicht zu sehen.


Und zweitens ist durchaus denkbar, dass diese kurze Glückssträhne die Saat für eine kommende Katastrophe gelegt hat. In den zurückliegenden Jahrzehnten haben wir das ökologische Gleichgewicht des Planeten auf verschiedenste Weise gestört, und niemand kann die Konsequenzen absehen. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass wir gerade im Begriff sind, in einer Orgie des gedankenlosen Konsums die Grundlage unseres Wohlstands zu verprassen.

Und schließlich können wir uns nur für die beispiellosen Errungenschaften des modernen Homo sapiens auf die Schulter klopfen, wenn wir das Schicksal aller anderen Tiere ausblenden. Ein Gutteil der materiellen Errungenschaften, mit denen wir Hunger und Krankheiten überwunden haben, waren nur auf Kosten von Laboraffen, Milchkühen und Fließbandhühnern möglich. In den vergangenen zwei Jahrhunderten haben wir Abermilliarden von Tieren in einem Regime industrieller Ausbeutung geknechtet, deren Grausamkeit in den Annalen des Planeten Erde ohne Gleichen ist. Wenn nur ein Bruchteil der Behauptungen von Tierschützern stimmen, dann ist die moderne industrielle Tierhaltung das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Wenn wir das globale Glück messen wollen, dürfen wir die Messlatte nicht bei Wohlhabenden, bei den Europäern oder bei den Männern und vermutlich nicht einmal nur beim Menschen anlegen.