Ablaufdatum - Der Mensch hat sein Ablaufdatum überschritten

Zukunft

Ablaufdatum - Der Mensch hat sein Ablaufdatum überschritten

Singularität

Bislang wurde nur ein Bruchteil der eben beschriebenen Möglichkeiten verwirklicht. Doch schon heute befreit sich die Kultur Schritt für Schritt von den Fesseln der Biologie. Mit rasanter Geschwindigkeit entwickeln wir immer neue Fähigkeiten, mit denen wir nicht nur unsere Umwelt, sondern auch unsere Innenwelt verändern können. Immer mehr Lebensbereiche werden erfasst: Anwälte müssen Themen wie Privatsphäre und Identität neu denken, Regierungen müssen sich Gedanken über Gesundheit und Gleichheit machen, Sportverbände und Bildungseinrichtungen müssen Fairness und Leistung neu definieren, Rentenversicherungen und Arbeitsmärkte müssen sich auf eine Situation einstellen, in der 60-jährige noch genauso leistungsfähig sind wie 30-jährige. Sie alle müssen sich mit der Biotechnologie, Cyborgs und nicht-organischem Leben auseinandersetzen.

Die Entschlüsselung des ersten menschlichen Genoms dauerte 15 Jahre und kostete 3 Milliarden Dollar. Heute reichen ein paar Wochen und einige tausend Dollar, um das Genom eines Menschen zu entschlüsseln, und Aufwand und Kosten werden stetig sinken. Dann wird eine wirklich individualisierte Medizin möglich sein, deren Behandlungen genau auf die DNA des jeweiligen Patienten zugeschnitten sind. Ihre Hausärztin könnte Ihnen vorhersagen, dass Sie auf Ihre Leber achten sollten, dass Sie sich aber wegen eines Herzinfarkts keine Gedanken machen müssen. Sie könnte erkennen, dass ein Medikament, das 92 Prozent aller Patienten hilft, in Ihrem Fall wirkungslos wäre, und Ihnen eine andere Tablette verschreiben, die viele Patienten nicht vertragen, die aber für Sie genau das Richtige ist. Das öffnet den Weg zu einer nahezu perfekten Medizin.

Doch uns stehen noch ganz andere Dinge ins Haus. Im Zusammenhang mit der Genforschung ringen Menschenrechtler und Juristen bereits mit dem haarigen Thema der Privatsphäre. Werden Krankenversicherungen in Zukunft einen DNA-Scan verlangen und Ihren Kunden höhere Beiträge abknöpfen, wenn sie eine genetische Veranlagung für leichtsinniges Verhalten entdecken? Müssen wir künftig bei einer Bewerbung nicht nur unseren Lebenslauf, sondern auch eine Analyse unseres Erbguts belegen? Darf ein Arbeitgeber eine Bewerberin vorziehen, weil sie interessantere Gene hat? Oder können wir in diesem Fall wegen genetischer Diskriminierung vor das Arbeitsgericht ziehen? Kann ein Unternehmen, das ein neues Lebewesen oder ein neues Organ entwickelt, die Gensequenz patentieren lassen? Man kann zwar ein Huhn besitzen, aber kann man auch Eigentümer einer ganzen Art sein?

Diese juristischen Probleme nehmen sich noch bescheiden aus im Vergleich zu den ethischen, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen des Gilgamesch-Projekts und der möglichen Züchtung von Übermenschen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, staatliche Verfassungen, Gesundheitssysteme und Krankenversicherungen in aller Welt, erkennen an, dass in einer humanen Gesellschaft alle Angehörigen dasselbe Recht auf medizinische Versorgung und ein Leben in guter Gesundheit haben. Das ist alles schön und gut, solange es der Medizin nur um die Prävention und Behandlung von Krankheiten geht. Aber was passiert, wenn sich die Medizin plötzlich die Optimierung menschlicher Eigenschaften zur Aufgabe macht? Hätten alle Menschen ein Anrecht darauf, sich tunen zu lassen, oder würde eine neue Elite von Übermenschen entstehen?

Wir sind heute stolz darauf, erstmals in der Geschichte die Gleichheit aller Menschen zu garantieren. Aber vielleicht sind wir gerade im Begriff, die ungleichste aller möglichen Gesellschaften zu schaffen. In der Vergangenheit behauptete die Elite immer von sich, intelligenter und stärker zu sein als die Angehörigen der unteren Schichten, und diesen generell überlegen zu sein. In der Regel machten sie sich damit etwas vor. Ein Kind, das in eine Bauernfamilie geboren wurde, war im Durchschnitt genauso intelligent wie ein Kronprinz. Doch dank der neuen medizinischen Möglichkeiten könnte die Anmaßung der Oberschicht Wirklichkeit werden.

Das ist kein Science Fiction. Die meisten Science Fiction-Filme beschreiben eine Welt, in der Angehörige der Art Homo sapiens, die sich von uns in nichts unterscheiden, mit neuen technischen Gerätschaften wie Raumschiffen und Laserkanonen hantieren. Die ethischen und politischen Probleme dieser Geschichten stammen aus unserer Welt, sie stellen lediglich unsere emotionalen und gesellschaftlichen Probleme vor einer futuristischen Kulisse dar. Doch in Wirklichkeit haben unsere neuen Technologien das Potenzial, nicht nur unsere Fortbewegungsmittel und Waffen zu verändern, sondern den Homo sapiens selbst mit all seinen Ängsten, Hoffnungen und Wünschen. Was ist ein Raumschiff im Vergleich zu einem ewig jungen Cyborg, der sich nicht vermehrt und keine Sexualität besitzt, der in direkten Gedankenaustausch mit anderen treten kann, dessen Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit die unsere um ein Tausendfaches übersteigt, der nie wütend oder traurig ist, sondern Emotionen und Wünsche hat, die wir uns nicht einmal vorstellen können?

Nur wenige Science Fiction-Filme beschreiben eine solche Zukunft, doch selbst wenn sie jemand exakt vorhersehen könnte, würden wir sie nicht verstehen. Wenn wir einen Film über das Leben eines Super-Cyborg sehen würden, dann wäre das ungefähr so, als würde man Hamlet vor einem Publikum von Neandertalern aufführen. Wobei sich die künftigen Herren der Welt vermutlich noch stärker von uns unterscheiden werden als wir uns von den Neandertalern. Während wir und die Neandertaler zumindest noch Menschen sind, werden unsere Erben Göttern gleichen.

Physiker bezeichnen den Urknall als Singularität – einen Moment, an dem keines der bekannten Naturgesetze galt. Auch die Zeit existierte noch nicht. Es wäre also sinnlos, von einer Zeit „vor“ dem Urknall zu sprechen. Vielleicht bewegen wir uns mit Riesenschritten auf eine künftige Singularität zu: Einen Moment, in dem alles, was unserer Welt heute Sinn verleiht – ich und Sie, Frauen und Männer, Liebe und Hass – keinerlei Bedeutung mehr hat. Alles, was danach passiert, wäre aus unserer Sicht völlig unverständlich.