Der letzte Krieg

Zukunft

Der letzte Krieg

Die unabhängigen Staaten, die diese Imperien beerbten, zeigten erstaunlich wenig Interesse an Kriegen. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden seit 1945 keine Eroberungskriege mehr geführt. Die Annexion anderer Staaten gehörte seit urdenklichen Zeiten zum Alltag. Nehmen wir zum Beispiel das Osmanische Reich: Im Jahr 1389 marschierten die Türken in Serbien ein, besiegten die Serben in der Schlacht im Kosovo, besetzten das Land und verleibten es sich ein. Im Jahr 1396 besiegten sie in der Schlacht von Nicopolis eine große christliche Armee und eroberten Bulgarien. Im Jahr 1453 versetzten sie dem Oströmischen Reich den Todesstoß, als sie Konstantinopel einnahmen und die Stadt unter dem Namen Istanbul zur Hauptstadt des Osmanischen Reichs machten. Im Jahr 1460 eroberten sie Griechenland, im Jahr 1517 Syrien und Ägypten, und im Jahr 1526 Ungarn. Es folgten Mesopotamien, Zypern und große Teile Westasiens, Nordafrikas und Osteuropas. Fast alle Imperien wurden auf diese Weise errichtet, und die meisten Herrscher und Beherrschten gingen davon aus, dass dieser Brauch erhalten bleiben würde. Doch heute erleben wir dies nicht mehr. Eroberungsfeldzüge wie die er Osmanen sind heute undenkbar. Seit 1945 wurde kein unabhängiges und von den Vereinten Nationen anerkanntes Land mehr erobert und von der Landkarte getilgt.

Es kommt zwar nach wie vor zu regionalen Kriegen, und noch immer sterben Millionen von Menschen in Folge der Kampfhandlungen, aber selbst diese regionalen Kriege sind heute seltener geworden. Kriege wie der Zweite Kongokrieg oder der Erste Afghanistankrieg sind inzwischen die große Ausnahme.

Viele Menschen glauben, dass nur die reichen Länder Westeuropas befriedet wurden. Aber das stimmt so nicht: Als der Friede nach Europa kam, waren andere Teile der Welt längst befriedet. In Südamerika waren beispielsweise die letzten schweren Kriege die Auseinandersetzung zwischen Peru und Ecuador im Jahr 1941 und der Krieg zwischen Bolivien und Paraguay im Jahr 1935. Für den letzten südamerikanischen Waffengang vor diesen beiden Kriegen muss man bis in die Jahre 1879 bis 1884 zurückgehen, als sich Chile auf der einen und Bolivien und Peru auf der anderen Seite gegenüberstanden.

Die arabische Welt steht nicht gerade im Ruf, besonders friedlich zu sein. Doch seitdem die arabischen Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten, unternahm nur einer den Versuch, einen anderen zu annektieren, und zwar der Irak, der 1990 in Kuwait einmarschierte. Zwar kam es immer wieder zu Grenzstreitigkeiten (zum Beispiel 1970 zwischen Syrien und Jordanien), bewaffneten Einmischungen eines arabischen Bruderstaats in die Angelegenheiten eines anderen (zum Beispiel Syrien im Libanon), Bürgerkriegen (Algerien, Jemen oder Libyen) und ungezählten Coups und Aufständen. Doch außer dem Golfkrieg gab es keine internationalen Kriege. Und selbst wenn wir den Rest der islamischen Welt hinzunehmen, finden wir nur einen einzigen Fall, in dem ein muslimischer Staat einen Angriffskrieg gegen einen anderen führte: den Iranisch-Irakischen Krieg.

In Afrika sieht die Lage weniger rosig aus. Doch selbst hier handelte es sich bei bewaffneten Konflikten überwiegend um Bürgerkriege und Putsche. Seit die afrikanischen Staaten in den 1960er und 1970er Jahren ihre Unabhängigkeit erlangten, haben nur wenige den Versuch unternommen, sich ihre Nachbarn einzuverleiben.

Es gab zwar schon früher verhältnismäßig friedliche Zeiten, zum Beispiel in Europa zwischen 1871 und 1914, doch diese endeten immer im Blutvergießen. Diesmal ist die Situation eine andere. Denn wahrer Frieden ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Wahrer Frieden bedeutet, dass Krieg gar nicht mehr vorstellbar ist. In diesem Sinne gab es nie wahren Frieden auf der Welt. Zwischen 1871 und 1914 war der Krieg immer vorstellbar und im Denken der Armeen, Politiker und gewöhnlichen Bürger als Möglichkeit vorhanden. Diese Ahnung bestimmte auch alle anderen Friedensphasen der Geschichte. Ein ehernes Gesetz der internationalen Politik besagte: „Es lässt sich immer ein plausibles Szenario vorstellen, nach dem zwei beliebige Nachbarstaaten innerhalb eines Jahres einander den Krieg erklären.“ Dieses Gesetz galt im Europa des 19. Jahrhunderts genau wie im Europa des Mittelalters, im alten China oder im antiken Griechenland. Wenn Sparta und Athen im Jahr 450 vor unserer Zeitrechnung die Waffen ruhen ließen, ließ sich immer ein plausibles Szenario vorstellen, nach dem sie im Jahr darauf wieder aufeinander losgehen würden.

Dieses Gesetz des Dschungels haben wir heute überwunden. Es gibt tatsächlich Frieden, der mehr ist als die Abwesenheit von Krieg. Für die wenigsten Staaten lässt sich heute ein Szenario vorstellen, das zum Krieg führen würde. Was könnte beispielsweise Deutschland veranlassen, seinem Nachbarn Frankreich nächstes Jahr den Krieg zu erklären? Was könnte einen Waffengang zwischen Japan und China provozieren? Oder zwischen Brasilien und Argentinien? Natürlich kann es immer zu kleineren Grenzkonflikten kommen. Aber es wäre schon ein wahrhaft apokalyptisches Szenario nötig, um nächstes Jahr einen altmodischen totalen Krieg zwischen diesen Ländern zu provozieren, in dem argentinische Panzerdivisionen vor Rio de Janeiro auffahren, während brasilianische Bomber die Vororte von Buenos Aires dem Erdboden gleichmachen. Es gibt zwar durchaus Staaten, die im nächsten Jahr zu den Waffen greifen könnten, zum Beispiel Israel und Syrien, Äthiopien und Eritrea oder die Vereinigten Staaten und der Iran, doch diese Ausnahmen bestätigen die Regel.

Natürlich kann sich diese Situation in Zukunft auch wieder ändern, und im Rückblick könnte uns die Welt von heute furchtbar naiv erscheinen. Doch aus historischer Sicht ist schon diese Naivität faszinierend. Noch nie war der Friede so stabil, dass sich die Menschen den Krieg nicht einmal vorstellen konnten.

Wissenschaftler haben in zahllosen Büchern und Artikeln versucht, diese glückliche Entwicklung zu erklären, und sie haben verschiedene Ursachen dafür ausgemacht. Die wichtigste ist, dass Kriege einfach nicht mehr bezahlbar sind. Der Friedensnobelpreis gebührt letztlich Robert Oppenheimer und seinen Kollegen, die die Atombombe entwickelt haben. Die Kernwaffen haben einen Krieg zwischen Supermächten zu einem kollektiven Selbstmordkommando gemacht und dafür gesorgt, dass ein militärischer Sieg der einen Seite über die andere unmöglich wurde. Nur die Atombombe hinderte die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion daran, früher oder später den Dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen.


Während einerseits die Kosten explodierten, schrumpften die möglichen Gewinne. Früher bereicherten sich Herrscher, indem sie die besetzten Staaten ausplünderten. Der Reichtum eines Landes bestand aus Ackerland, Vieh, Sklaven und Gold und war leicht in Besitz zu nehmen. Heute setzt sich der Reichtum einer Gesellschaft jedoch vor allem aus Humankapital, technischem Knowhow und komplexen sozio-ökonomischen Gebilden wie Banken zusammen, die sich sehr viel schwerer rauben lassen.

Nehmen wir als Beispiel Kalifornien. Früher bestand der Reichtum dieses Bundesstaats aus seinen Goldvorkommen. Heute besteht er aus Silizium und Zelluloid – Silicon Valley und Hollywood. Was würde passieren, wenn zum Beispiel die Chinesen mit einer Million Soldaten an der Küste von San Francisco landen und landeinwärts stürmen würden? Sie würden kaum Beute machen. In Silicon Valley gibt es keine Siliziumvorkommen. Der Wohlstand hat seinen Ursprung in den Köpfen der Softwareingenieure von Google und der Magier von Hollywood, die im Flugzeug nach Bangalore oder Mumbai säßen, schon lange bevor die ersten chinesischen Panzer den Sunset-Boulevard hinunterrollen. Es ist kein Zufall, dass die wenigen Eroberungskriege der letzten Jahre, zum Beispiel der Einmarsch der Iraker in Kuwait, Regionen treffen, in denen der Reichtum noch aus altmodischen Rohstoffen besteht. Die Scheichs von Kuwait konnten zwar ins Ausland fliehen, doch die Ölfelder blieben zurück.